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Triggerwarnung: Dieser Text befasst sich im Rahmen einer Artikelreihe über psychische Krankheiten u.a. mit selbstverletzendem Verhalten, Missbrauch von Substanzen und traumatischen Erlebnissen. Wer mit diesen Themen Schwierigkeiten hat, dem wird vom Lesen ausdrücklich abgeraten!

Allgemein und oft werden Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung auf selbstverletzendes Verhalten oder extreme Gefühlsschwankungen reduziert. Auch wird diese Art von Persönlichkeitsstörung oft als „nur“ eine Depression abgestempelt. In diesem Artikel erkläre ich, warum dem nicht so ist.

Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung handelt es sich um eine emotionale instabile Störung der Persönlichkeit mit deutlicher Tendenz impulsiv zu handeln, ohne dass sich die betroffenen Menschen der Konsequenzen ihres Handelns bewusst sind. Sie beschreiben ihre Empfindungen dual, als gäbe es für sie nur zwei Pole, das heißt ihre Wahrnehmung ist schwarz oder weiß, gut oder böse, richtig oder falsch. Ebenso beschreiben sich betroffene Menschen als nach innen oder nach außen gerichtet, stabil oder instabil, freundlich oder angespannt/gereizt. Hochstimmung wechselt sich mit Phasen tiefer Betrübnis, impulsiven, aggressiven Ausbrüchen ab.

Die Prävalenz in der Bevölkerung schwankt sehr stark, denn durch Fehldiagnosen können schnell falsche Daten ermittelt werden. Je nach Quelle schwanken die Angaben demnach zwischen 0,2 – 15%.  Die Hauptbetroffenen sind häufig Jugendliche und junge Erwachsene.

Damit eine Diagnose zu einer Borderline-Persönlichkeitsstörung gestellt werden kann, müssen mindestens drei der folgenden Merkmale und mindestens zwei der beschriebenen Eigenschaften vorliegen.

            Merkmale

  • Mangelnde oder fehlende Impulskontrolle mit der deutlichen Tendenz, unerwartet und ohne Berücksichtigung der Konsequenzen zu handeln.
  • Ausgeprägte Neigung zu aggressivem oder streitsüchtigem Verhalten, vor allem dann, wenn eine impulsive Handlung unterbunden oder getadelt wird.
  • Neigung zu Wutausbrüchen oder Gewalt mit Unfähigkeit zur Kontrolle explosiven Verhaltens.
  • Unzureichende Handlungsplanung mit der Schwierigkeit, Handlungen zu beenden, die nicht unmittelbar belohnt werden.
  • Emotionale Instabilität mit unbeständigen unberechenbaren Stimmungen.

Eigenschaften und Verhaltensweisen

  • Störung oder Unsicherheit bezüglich Selbstbild, Zielen oder „inneren Präferenzen1“ 
  • Intensives, aber unbeständiges Beziehungsverhalten, das nicht selten in der Folge zu emotionalen Krisen führt
  • Übertriebene Bemühungen, um zu vermeiden, verlassen zu werden.
  • Wiederholt werden parasuizidale oder automutilative2 Drohungen oder Handlungen.

Die oben beschriebenen Symptome lassen den größten Teil aus der Definition des Krankheitsbildes ableiten. Die inneren Spannungen können nämlich häufig keinen spezifischen Emotionen zugeordnet werden. Das dadurch entstehende innere Druckgefühl wird dann häufig durch selbstverletzendes Verhalten geäußert. Dazu zählt:

  • Schnitte an den Unterarmen oder anderen Körperstellen
  • tiefe Kratzwunden
  • Kopfschlagen
  • Verbrennungen, Verbrühungen des Körpers
  • Verschlucken von Gegenständen, zum Beispiel Rasierklingen oder Glasscherben
  • Strangulieren (Abbinden von Körperteilen).

Auch haben Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung einen höheren Drang, diverse Substanzen zu konsumieren, um dem Wunsch nach einem besseren Gefühl gerecht zu werden. Auch Dinge wie riskante Sportarten oder riskantes Autofahren werden oft genutzt, um dem fehlenden Schmerzempfinden entgegenzukommen. Ein als chronisch empfundenes Gefühl der Leere kann in unangemessene, heftige Wut oder in Schwierigkeiten, diese Wut zu kontrollieren, umschlagen. Ebenso können vorübergehende, durch Belastungen/Stress ausgelöste, paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome auftreten. Das bedeutet, dass der betroffene Mensch sich vermehrt aus dem realen Leben zurückzieht. In Beziehungen bemühen sich Betroffene verzweifelt, tatsächliches oder vermutetes verlassen werden zu vermeiden, häufig unter Durchführung von Selbstverletzungen bis zu suizidalen Drohungen. Ein Missbrauch von Alkohol, Medikamenten und Drogen ist oft zu beobachten.

Es gibt bisher keine bekannte genaue Ursache, durch welche sich eine Borderline-Persönlichkeitsstörung entwickeln kann. Bisher werden 4 Sichtweisen als Ursachen dieser Persönlichkeitsstörung favorisiert:

  • Die psychiatrische Sichtweise stützt sich bei der Diagnose der Borderline-Persönlichkeitsstörung auf einen beschreibenden Ansatz der Störung im Vergleich zu anderen Persönlichkeitsstörungen beziehungsweise der Persönlichkeit von gesunden Menschen.
  • Die Persönlichkeitspsychologie begründet die Borderline-Persönlichkeitsstörung in einer extremen Ausprägung von Persönlichkeitsmerkmalen.
  • Die tiefenpsychologische Sichtweise beschreibt die Borderline-Persönlichkeitsstörung als strukturelle Störung. Dies postuliert eine frühe Störung in der Objektbeziehung.
  • Beim kognitiv-behavioralen3 Erklärungsmodell steht die zwischenmenschliche Interaktionsstörung im Vordergrund.

Es gibt auch genetische Studien, in Form von Zwillingsstudien, welche die Entstehung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung untersucht haben. Sie zeigt eine erhebliche genetische Bedeutung für die Entstehung der Borderline-Störung. Ein indirekter Hinweis auf genetische Beteiligung ist, dass etwa 50 Prozent der Betroffenen retrospektiv über ein manifestes Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) in der Kindheit berichten, bei dem eine klare genetische Prädisposition gesichert ist

Weitere Untersuchungen haben gezeigt, dass psychosoziale Belastungen, zum Beispiel traumatische Erfahrungen, wie Missbrauch (circa 70 %), Misshandlungen (60 %) oder Vernachlässigungen (40 %), die Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung stark beeinflusst. Die gemachten Gewalterfahrungen in der Kindheit können zu Veränderungen des Gehirns führen. Herpertz beschreibt: „Es konnte gezeigt werden, dass das Gehirn von Borderline-Patienten teilweise anders arbeitet als das von gesunden Menschen. Beobachtet wurden Aktivitätsveränderungen in […] einer Region im Gehirn, die u. a. für die Verarbeitung von Stress, Gefahrensignalen und von Ängsten zuständig ist. Diese Gehirnstruktur ist bei Borderline-Patienten kleiner und zusätzlich [leichter zu reizen] Auch in anderen Strukturen des limbischen Systems […] zeigen sich bei Borderline-Patienten Veränderungen, die für Fehlsteuerungen emotionaler Reaktionen angesehen werden.“

Eine Therapie ist möglich. Dazu zählt vor allem Stressbewältigung und Konfliktmanagement. Das bedeutet, dass sich zu den anfangs beschriebenen Symptomen zusätzlich die oben beschriebenen körperlichen Symptome entwickeln können. Bei Verletzungen kann die Wundheilung durch das reduzierte Immunsystem negativ beeinflusst sein und die beschriebenen Gedächtnisstörungen können Einfluss auf einen Therapieerfolg nehmen. Es gibt bereits Präventionen für eine solche Persönlichkeitsstörung.

Präventionsansätze lassen sich teilweise aus den Risikofaktoren ableiten. Bei der primären Prävention ist es das Ziel, Krankheiten grundsätzlich zu verhindern. Das bedeutet für die Risikobereiche der genetischen Faktoren, dass Betroffene, wenn sie selbst Kinder bekommen, ihre Kinder in der Erziehung entsprechend unterstützen beziehungsweise sich begleitende Hilfe von Therapeuten und/oder speziell ausgebildetem Fachpersonal holen. Eine weitere Möglichkeit zur Prävention sind Selbsthilfegruppen.

Die sekundäre Prävention hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Erkrankung frühzeitig zu erkennen. Dadurch soll eine Verschlimmerung verhindert werden. Um etwas zu erkennen, bedeutet es erst einmal, es zu kennen. Dies bedeutet, dass umfangreiche Aufklärungs- und Informationskampagnen nötig sind. Was ist eine Borderline-Persönlichkeitsstörung, wie zeigt sich diese Erkrankung? Zielgruppe sind Erwachsene, vorrangig Lehrer, Erzieher und weitere. In einigen Schulen laufen Projekte, die zum Ziel haben, Kinder und Jugendliche aufzuklären und ihnen die Problematik bewusst zu machen.

Die tertiäre Prävention hat das Ziel, einen Krankheitszustand und somit die Lebensqualität der erkrankten Menschen zu verbessern. Viele Therapieansätze streben dieses Ziel an.

Ich hoffe, dass ihr nun mehr über dieser Art von psychischer Krankheit gelernt habt.

Ich kann nur an jeden appellieren, sich einmal mit solchen Themen zu beschäftigen, es ist interessant  und ist zudem auch einen Bestandteil unserer Gesellschaft. Psychisch Kranke Menschen sind keine Verrückten, sie sind nicht „unnormal“, sie brauchen nur Hilfe, ihr Problem zu lösen.

Von:
Desideria Hamann

Begriffserklärung:

1: innere Präferenzen: Bevorzugung einer oder mehrerer Optionen (Wahlmöglichkeiten, Alternativen) gegenüber einer oder mehreren anderen Optionen bezieht (Entscheidung)

2: parasuizidal: bezeichnet jede nichttödliche Handlung eines Menschen, die absichtlich selbstverletzend durchgeführt wird.

Automutilativ: Selbstverstümmelung bezeichnet die mutwillige Beschädigung des eigenen Körpers beim Menschen. Sie ist zu unterscheiden von selbstverletzendem Verhalten, das dem Aggressions- und Spannungsabbau oder der Selbstbestrafung dient.

3: kognitiv (lat. Cognoscere – denken, wahrnehmen), kognitive Fähigkeiten beschreiben das Verhalten eines Menschen auf Grund seiner Gedankengänge

Behavioral bedeutet „das Verhalten betreffend“ oder „verhaltensbedingt“.

Quellen:
1 Kreismann JJ.Strauss H.Ich hasse dich – verlass mich nicht.München: Kösel-Verlag2012;
2 Dilling H.Internationale Klassifikation psychischer Störungen.Bern: Hans Huber2014;
3 Borderline Plattform Statistik.Im Internet http://www.borderline-plattform.de/index.php/statistik Stand: 25.12.2018
4 Grant BF.Chou SP.Goldstein RB.et al Prevalence, correlates, disability, and comorbidity of DSM-IV borderline personality disorder: results from the Wave 2 National Epidemiologic Survey on Alcohol and Related Conditions.J Clin Psychiatry2008; 69: (04)533-545
5 Stöcker M.Praxislehrbuch Heilpraktiker für Psychotherapie.Stuttgart: Haug Verlag2016;
6 Möller HJ.Laux G.Deister A.Duale Reihe. Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.Stuttgart:

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