Tausende Menschen sind heute bundesweit gegen Rechtsextremismus und die AfD auf die Straße gegangen. Anlass ist der Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt. Doch was genau ist eigentlich passiert – und warum sollte uns das auch in der Schule beschäftigen?
12.09.2026
Am Samstag, den 12.09.2026, sind in mehreren deutschen Städten Menschen gegen Rechtsextremismus und den politischen Einfluss der AfD auf die Straße gegangen. Allein in Leipzig versammelten sich rund 3.000 Menschen unter dem Motto „Zeit zum Handeln“. Auch in anderen Städten wurde demonstriert. Anlass ist der Wahlerfolg der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vor einer Woche.
Warum gehen Menschen deshalb demonstrieren?
Die Antwort liegt vor allem in einem Wahlergebnis, das Sachsen-Anhalt politisch verändert hat.
Die AfD gewinnt – aber kann noch nicht allein regieren
Bei der Landtagswahl am 6. September wurde die AfD mit 43,8 Prozent der Stimmen mit großem Abstand stärkste Kraft. Sie erhielt 39 der insgesamt 83 Sitze im Landtag. Für eine absolute Mehrheit wären 42 Sitze notwendig gewesen.
Die CDU kam auf 17,2 Prozent und erhält 15 Sitze. SPD und Grüne erreichen 9,3 beziehungsweise 8,9 Prozent, die Linke 8,6 Prozent. Das BSW zieht mit 5,3 Prozent erstmals in den Landtag ein. Die FDP scheitert mit 2,6 Prozent an der Fünf-Prozent-Hürde.
Damit steht Sachsen-Anhalt vor einer komplizierten Regierungsbildung.
Die AfD kann nicht allein regieren. Eine Mehrheit mit dem BSW wäre zwar rechnerisch möglich, doch eine Zusammenarbeit ist politisch keineswegs sicher. CDU, SPD, Grüne und Linke haben eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen. Das BSW könnte deshalb eine entscheidende Rolle bei der Frage spielen, wie es weitergeht.
Noch ist also nicht entschieden, ob die AfD tatsächlich Teil der Landesregierung wird oder sogar den Ministerpräsidenten stellen kann.
Fest steht aber schon jetzt: Noch nie seit Bestehen der Bundesrepublik war eine vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei so nah daran, eine Landesregierung anzuführen.
Und genau deshalb geht die Debatte längst über die Frage hinaus, wer künftig im Magdeburger Landtag regiert.
Was würde sich unter der AfD verändern?
Um das einschätzen zu können, lohnt sich ein Blick auf die politischen Pläne der Partei.
Die AfD Sachsen-Anhalt fordert unter anderem eine deutlich restriktivere Migrationspolitik. In ihren Regierungsplänen ist von einer „Abschiebeoffensive“ die Rede. Gefordert werden unter anderem ein Aufnahmestopp für Geflüchtete, eine eigene Task Force für Abschiebungen und weitere Maßnahmen, um Abschiebungen zu beschleunigen.
Auch für Schulen hätte eine AfD-Regierung konkrete Folgen. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund kündigte unter anderem getrennte Klassen für geflüchtete Kinder an, bei denen die Partei davon ausgeht, dass sie nicht dauerhaft in Deutschland bleiben werden. Außerdem fordert die AfD Veränderungen bei der Schulpflicht und eine Abkehr von der bisherigen Inklusionspolitik. Konkret bedeutet das, dass Kinder mit einer Behinderung nicht mit den anderen gemeinsam lernen dürften, was gegen das gesetzlich festgeschriebene Recht auf Inklusion verstoßen würde.
Das sind keine abstrakten politischen Forderungen.
Sie betreffen die Frage, wer gemeinsam in einer Klasse sitzt, wie Schule mit geflüchteten Kindern umgeht und welches Verständnis von Zusammenleben vermittelt wird.
„Remigration“ – was meint Siegmund damit?
Besonders viel Aufmerksamkeit hat in den vergangenen Tagen eine Aussage von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund ausgelöst.
Bei einer Pressekonferenz wurde er gefragt, wie er zur möglichen Ansiedlung eines Rüstungsunternehmens in Sachsen-Anhalt stehe. Siegmund erklärte, man verteufele die Produktion von Rüstungsgütern nicht grundsätzlich, „weil wir bei späteren Remigrations- und Abschiebeoffensiven natürlich auch entsprechende Hilfsmittel brauchen“.
Die Aussage sorgte bundesweit für Empörung.
Warum?
Der Begriff „Remigration“ klingt zunächst harmlos und wird von der AfD teilweise als Begriff für die Rückführung von Menschen ohne Aufenthaltsrecht verwendet. Er hat allerdings eine weitergehende politische Vorgeschichte. Der Begriff wurde in rechtsextremen Kreisen geprägt und wurde auch bei dem bekannten Treffen in Potsdam 2023 verwendet, an dem Siegmund teilnahm. Dort wurde über die Vertreibung von Menschen mit und ohne deutschen Pass gesprochen.
Deshalb ist es wichtig, genau hinzuschauen, wenn Politiker von „Remigration“ sprechen.
Denn hinter einem scheinbar technischen Begriff kann eine sehr grundsätzliche Frage stehen:
Wer soll eigentlich zu Deutschland gehören – und wer nicht? Zudem hat Siegmund mit seiner Aussage die Möglichkeit in den Raum gestellt, Menschen gegebenenfalls auch mit Waffengewalt abzuschieben, ein Vorgehen, das uns aus den USA bekannt vorkommen sollte.
Warum das uns alle etwas angeht
Man könnte nun sagen: Das ist Politik. Dafür gibt es Politiker. Was hat das mit unserem Schulalltag zu tun?
Sehr viel.
Rechtsextremismus beginnt nicht erst dort, wo jemand eine politische Partei wählt oder offen Gewalt fordert. Er kann auch im Alltag sichtbar werden: in rassistischen Sprüchen, abwertenden Witzen, Ausgrenzung, Beschimpfungen oder der Vorstellung, manche Menschen seien aufgrund ihrer Herkunft weniger wert als andere.
Gerade deshalb ist Zivilcourage wichtig.
Zivilcourage bedeutet nicht, dass man sich in jede gefährliche Situation stürzen muss. Sie kann ganz alltäglich aussehen:
- Wenn jemand wegen seiner Herkunft beleidigt wird, nicht mitlachen.
- Wenn im Klassenchat rassistische Sprüche verbreitet werden, widersprechen.
- Wenn jemand ausgegrenzt wird, nicht einfach wegschauen.
- Wenn Mitschülerinnen oder Mitschüler Angst haben, ihnen beistehen.
- Wenn man selbst nicht weiß, wie man reagieren soll, eine Lehrkraft oder andere Vertrauensperson holen.
Das klingt vielleicht nach Kleinigkeiten.
Aber genau hier beginnt demokratisches Handeln.
Demokratie bedeutet nicht, dass alle dasselbe denken
Dabei ist ein Punkt besonders wichtig:
Eine demokratische Gesellschaft muss unterschiedliche politische Meinungen aushalten.
Man kann für eine strengere Migrationspolitik sein. Man kann die Bundesregierung kritisieren. Man kann sich über politische Entscheidungen ärgern und eine andere Partei wählen.
Das alles gehört zur Demokratie.
Die Grenze liegt dort, wo Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder anderer Merkmale grundsätzlich abgewertet oder ausgeschlossen werden sollen – oder wo demokratische Grundrechte und die Gleichheit aller Menschen infrage gestellt werden.
Deshalb ging es bei den Demonstrationen am Wochenende auch nicht darum, dass alle Demonstrierenden dieselbe politische Meinung haben müssen.
Es geht um eine gemeinsame Haltung:
Menschenwürde ist nicht verhandelbar.
Warum gerade jetzt?
Das Wahlergebnis zeigt, dass die AfD in Sachsen-Anhalt eine enorme politische Unterstützung erhalten hat. 43,8 Prozent sind kein Randphänomen. Gleichzeitig bedeutet dieses Ergebnis selbstverständlich nicht, dass 43,8 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt rechtsextremistisch sind. Menschen wählen aus unterschiedlichen Gründen: aus Protest, aus Unzufriedenheit mit anderen Parteien, wegen Migration, wirtschaftlicher Sorgen oder aus Überzeugung. Es bedeutet jedoch, dass ein großer Teil der Menschen in Sachsen-Anhalt bereit sind, eine gesichert rechtsextreme Partei zu unterstützen- ungeachtet dessen, was uns unsere Geschichte gelehrt haben sollte.
Denn eine Partei, die vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, könnte erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik einen Ministerpräsidenten stellen.
Und gerade die Aussage Siegmunds zur „Remigrations- und Abschiebeoffensive“ zeigt, dass es nicht nur um ein abstraktes Wahlergebnis geht. Es geht um konkrete politische Vorstellungen darüber, wie mit Menschen umgegangen werden soll, die nicht in das eigene Bild von Gesellschaft passen.
Deshalb sind Demonstrationen ein Zeichen.
Aber sie allein reichen nicht.
Demokratie findet nicht nur auf großen Kundgebungen statt. Sie findet auch im Klassenzimmer, auf dem Schulhof, im Freundeskreis und im Klassenchat statt.
Jede und jeder kann dazu beitragen, dass Rassismus und Menschenfeindlichkeit nicht normal werden.
Manchmal bedeutet Zivilcourage, laut zu widersprechen.
Manchmal bedeutet sie, jemanden nicht allein zu lassen.
Und manchmal bedeutet sie einfach, nicht wegzuschauen.
Denn gerade wenn Rechtsextremismus stärker wird, darf die demokratische Mehrheit nicht leiser werden.